Archiv der Kategorie: Hertha und die Nationalmannschaft

Halbzeit-Weltmeister

Was die deutsche Nationalmannschaft (die sich seit einiger Zeit nicht mehr „Die Mannschaft“ nennen darf, obwohl genau das von allen Beteiligten ständig gefordert wird, nämlich dass das Team, die Mannschaft und nicht der Einzelne, im Mittelpunkt zu stehen habe) in der ersten Halbzeit im Nations-League Rückspiel gegen Italien ablieferte, war eines kommenden Weltmeisters würdig. Nicht ohne Grund wurde sie als die beste Halbzeit seit dem legendären 7:1 gegen Brasilien 2014 (Halbzeitstand 5:0) bezeichnet. Obwohl man einen Weltmeistertitel nie planen kann, weil ja z.B. nicht gegebene Handelfmeter für ein vorzeitiges, ungerechtes Aus sorgen können, wäre die deutsche Mannschaft in dieser Form ernsthafter Mitfavorit – wie früher eigentlich immer, bis die unliebsamen Erfahrungen in Russland und Katar für ein Ende des stets selbstverständlichen Halbfinaleinzugs sorgten. Aber als Außenseiter spielt es sich natürlich viel angenehmer, man frage mal die Dänen. Das hatten die deutschen Spieler wahrscheinlich auch im Hinterkopf, als sie in der zweiten Halbzeit nicht nur den Bleifuß vom Gaspedal nahmen, sondern versuchten mit gezogener Handbremse zu spielen. Das quietschte merkwürdig und man kam nicht nur nicht auf Touren, sondern fuhr sogar rückwärts und handelte sich eine 0:3-Halbzeit ein. Insgesamt also ein Warnschuss und ein Abgeben der Favoritenstellung. Und außerdem muss sich die Mannschaft (wir nennen sie ohne Anführungszeichen weiterhin so) erstmal für die WM in Mexiko, Kanada und den USA qualifizieren. Da warten, dem Einzug ins Halbfinalturnier der Nations-League sei Dank, Nordirland (nicht zu unterschätzen), die Slowakei (Kategorie: Machbar) und Luxemburg (Außenseiter) auf Deutschland. Die Qualifikation gegen diese Gegner hätte wahrscheinlich auch Erich Ribbeck hinbekommen. Der Fußballweise Loddar Matthäus lässt keine Ausrede gelten: Deutschland muss die Gruppe gewinnen. Darauf hätte man auch ohne den furiosen Sturmlauf der ersten 45 Minuten im Italien-Spiel eine recht sichere Wette abschließen können. Die Quote dürfte sich allerdings nicht lohnen…

Wird alles gut?

Hertha ist nach dem wichtigen Auswärtssieg in Braunschweig nur noch 19 Punkte hinter dem Aufstiegssoll zurück. Da Hertha in der Sollrechnung nur noch in Köln und Münster insgesamt 5 Punkte abgibt, bliebe es am Saisonende, vorausgesetzt Hertha gewänne alle acht noch ausstehenden Spiele, bei minus 14 Punkten. Wenn wir realistisch sind und höchstens vier Siege, also 12 Punkte erwarten, ergäbe das 41 Punkte, also immerhin vier weniger, als eine unbekannte KI vor wenigen Wochen vorausgesagt hat. Ein deprimierendes Ergebnis, wenn man berücksichtigt, dass Hertha in der Saison 2012/13 mit 76 Punkten unter Trainer Luhukay einen bis heute gültigen Punkterekord aufstellte.

Egal, realistisch erscheint zumindest, wenn die Braunschweiger Leistung auch nur halbwegs über die Länderspielpause transferiert wird, dass Hertha nicht absteigt, zumindest nicht direkt.

Die Mannschaft hat unter dem neuen Trainer Leitl jetzt in vier Spielen vier Punkte geholt. Der Punkteschnitt mit einem Zähler pro Spiel ist zwar der eines potenziellen Absteigers, spiegelt jedoch die Leistung nicht korrekt wider: Gegen Nürnberg, Gelsenkirchen und natürlich auch in Braunschweig war man die bessere Mannschaft, nur der unerklärliche Einbruch beim Big City Club Elversberg passt nicht ins Bild. Andererseits hat die Mannschaft auch unter Fiel viele gute Spiele gemacht ( HSV, Kaiserslautern, Düsseldorf…) und trotzdem verloren. Alles in allem nicht erklärbare Leistungsschwankungen, die Hertha ein weiteres Jahr in der 2. Liga belassen werden. Und dass Hertha im nächsten Jahr, mit nominell viel schwächerer Mannschaft nach den vorherzusehenden Abgängen von (mindestens) Maza und Reese, auch nicht um den Aufstieg mitspielen wird, dürfte klar sein. Es sei denn, man besinnt sich und kauft nicht auf Teufel komm raus neue Spieler ein, sondern legt den Focus auf die MANNSCHAFT, nicht auf individuelle Klasse (Demme, Sessa…). Damit hat Hertha schon in der ersten Liga schlechte Erfahrungen gemacht, als viele gute (und teure) Spieler trotzdem abgestiegen sind, weil das Team keins war.

Mit namenlosen Spielern viel erreichen, das ist die Kunst, die einen guten Trainer ausmacht, z.B. Christian Streich, Frank Schmidt oder auch Stefan Leitl, der mit Fürth schon mal den Aufstieg geschafft hat. Der Berliner Weg, der nicht auf große Namen, sondern auf die Mentalität setzt, könnte doch noch für die eine oder andere Überraschung in der Zukunft sorgen.

Hertha steigt nicht ab

Beruhigend zu wissen: Hertha wird nicht absteigen. Damit wäre das Saisonziel „Aufstieg in die Bundesliga“ zwar leicht verfehlt, aber man ist ja bescheiden geworden, in den letzten Jahren. Woher weiß man, dass Hertha die Klasse hält? Natürlich von einer (nicht näher benannten) KI. Danach steigen der HSV und Köln auf, wer hätte das gedacht! Und Hertha holt noch 20 Punkte und wird mit 45 Zählern sicherer Elfter.

Unklar bleibt, wie die KI errechnen kann, ob ein Spieler den Pfosten oder ins Tor trifft. Das sollte die KI dem Spieler vorher mitteilen, vielleicht könnte er seinen Kopf entsprechend anders positionieren und der Voraussage entsprechend treffen oder eben nicht treffen. Denn die KI kennt ja das Ergebnis.

Oder hat die KI etwa frühere Spiele, Tabellenplätze, Kaderwerte, aktuelle Tabellenstände etc. durcheinander gemixt und entsprechende Folgerungen gezogen? Vielleicht gar den, besonders bei Kindern bis zum 12. Lebensjahr beliebten, Überkreuzvergleich herangezogen? Nach dem Motto: Paderborn hat Elversberg besiegt, Hertha hat Paderborn geschlagen, also: Gewinnt Hertha auch in Elversberg. Das wäre zu hoffen und dem neuen Trainer auch zu wünschen, wissen kann man es nicht und voraussagen noch viel weniger. Ansonsten könnte mir die KI gerne den nächsten Tototipp voraussagen. Oder besser noch die Lottozahlen…

Das blaue Frühlingsband

„Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte…“ schrieb Eduard Mörike schon vor fast 200 Jahren, als hätte er geahnt, dass die blauweiße Hertha den Winter mit einem Trainerwechsel verabschieden und damit den Frühling einläuten würde. Etwas Neues wird erwartet, in der Natur und im Olympiastadion, nämlich endlich mal wieder drei Punkte, mit denen man sich ein wenig aus der Abstiegszone entfernen kann. Ob diese Erwartungen von Stefan Leitl erfüllt werden können, wird sich zeigen. Viel besser spielen als in den Partien dieses Jahres (Ausnahme Regensburg) muss man nicht, nur der Ertrag müsste sich vervielfachen. Ob das ein neuer Trainer kann ist nicht garantiert. Aber wie es mit dem Frühling so ist: Man hat Hoffnungen, die in der Zeit erfüllt werden sollen.

Leitl hat ja schon gezeigt, dass er`s kann. In Ingolstadt hat er sich Stück für Stück von der U17 bis zur Profimannschaft vorgearbeitet, anschließend ist er mit Fürth als Außenseiter mit schmalem Budget aufgestiegen (121 Spiele mit 1,24 Punkten im Durchschnitt) und zuletzt coachte er 89 Spiele bei Hannover 96 mit dem beachtlichen Durchschnitt von 1,42 Punkten. Bei Hertha war in den letzten zehn Jahren nur Pal Dardai in seiner letzten Amtszeit mit 1,45 Punkten etwas besser. Allerdings: Mit diesem Schnitt erspielt man sich auch nur 48 Punkte in einer Saison, was zum Aufstieg nicht reicht. Immerhin würde man auf diese Weise 17 Punkte aus den verbleibenden 12 Spielen dieser Grottensaison holen, was mit dann 42 Punkten zumindest ein Abrutschen unter den Strich verhindern würde. Das kann natürlich nicht Herthas Anspruch sein. 1,8 Punkte müssten es in der nächsten Saison schon pro Spiel werden, um wenigstens 60 Punkte zu erzielen, d.h., ein Wörtchen um den Aufstieg mitreden zu können. Wie das mit einem dann wahrscheinlich schwächeren Kader gelingen soll, steht in den Sternen. Aber lasst uns erst mal diese Saison anständig zu Ende bringen. Ein einstelliger Tabellenplatz wäre ja aus heutiger Sicht schon das höchste der Gefühle. Aber dazu müsste am Freitagabend gegen Nürnberg das blaue Hertha-Frühlingsband zu einem Sieg flattern…

Später ist man immer schlauer…

Mit dem Aufstieg könnte es nach der (unverdienten) Niederlage gegen Düsseldorf schwer werden. Also: In der nächsten Saison. In dieser Spielzeit können wir froh sein, wenn das Schlimmste vermieden werden wird, nämlich der Abstieg in die Traditionsliga 3. Und wenn nach der Saison Reese, Maza und einige andere Leistungsträger aller Voraussicht nach gehen werden und schon wieder ein Totalumbruch die Folge sein wird, muss es nicht unbedingt leichter werden oben mitzuspielen.

Nach drei ordentlichen bis guten Spielen gegen Hamburg, Kaiserslautern und vor allem Düsseldorf (nur die Partie in Regensburg passt nicht in dieses Schema), die trotzdem allesamt verloren wurden, greifen die sogenannten Mechanismen des Geschäfts eiskalt zu: Trainer Fiél wird „freigesetzt“, d.h., er bezieht weiter sein bestimmt nicht gerade niedriges Gehalt, ohne dafür zu arbeiten. Das FDP-Motto „Leistung muss sich wieder lohnen“ wird hier sozusagen auf den Kopf gestellt: Nichtleistung (zumindest was die Ergebnisse der harten Arbeit angeht) wird durch verfrühten Winterurlaub belohnt. Schafft nicht jeder!

Aber mal im Ernst: Kann der Trainer was dafür, dass Schuler fünf Minuten vor Schluss an den Pfosten köpft? Natürlich nicht. Schon Pal Dardai, der alte Fußballphilosoph, sagte ja mal, dass man bestimmte Dinge (Stichwort „individuelle Fehler“) nicht coachen kann.

Die meisten Fans stimmen der Entscheidung des Präsidiums sicher zu. Und nun? Macht es der nächste besser? Wir werden es an den Ergebnissen sehen. Auf jeden Fall ist der Trainerwechsel das leider viel zu späte Eingeständnis des Vorstands (vor allem von Geschäftsführer Tom Herrich, vielleicht auch von Zecke Neuendorf), dass das Abservieren von Pal Dardai ein großer Fehler war, wie nicht wenige immer wieder behauptet hatten. Natürlich kann man nicht sicher sein, dass die Saison unter einem Dardai als Übungsleiter besser verlaufen wäre, auf jeden Fall wäre sie billiger gewesen, weil man Ablöse und Weiterzahlung nach der Freisetzung gespart hätte.

Tatsache bleibt: Mit „langweiligem“ Dardai-Konter-Fußball wurde Elversberg mit 5:1 aus dem Stadion geschossen, mit „attraktivem“ Fiél-Ballbesitz-Fußball wurde 1:4 verloren. Anscheinend haben einige Herren aus der Führungsetage den Sinn des Spiels noch nicht verstanden.

Hertha und die Mathematik

Dass Hertha sich um die Bildung der jungen Generation kümmert, wussten die meisten von uns noch nicht. Zur Bildung gehört zwar nicht nur, aber auch die Mathematik, und wer es mit Hertha hält, muss seit Jahren rechnen, rechnen, rechnen.

Dabei ist ausnahmsweise nicht von der materiellen Misere die Rede, die sowieso nicht überblickt werden kann. Es geht um die Punkte, die die Mannschaft erspielt hat oder die eben meistens fehlen.

2020 musste man unter Labbadia bis zum Schluss rechnen, bis ein scheinbar solider 10. Platz erreicht wurde (wir reden von Liga 1, wohlgemerkt!). Unter Dardai wurde 2021 erst am vorletzten Spieltag die Rettung gesichert (14. Platz). Nach Dardais Ablösung durch Bobic, der seinem Kumpel Korkut eine Million zuschanzen wollte, konnte Magath 2022 mit Hilfe von Kevin Prince das Rechnen auch erst in der Relegation gegen den HSV beenden. Als der nette aber glücklose Sandro Schwarz übernahm, half alles Schönrechnen von wieder geholten Dardai („4 Spiele-4 Siege“) nichts mehr und die Mannschaft stieg 2023 als 18. ab.

Als man 2023 mit null Punkten aus drei Spielen in die zweite Liga startete, begann die Rechnerei erst richtig und hörte bis vor dem Spiel gegen Regensburg nicht mehr auf: Wie viele Punkte Rückstand haben wir auf Platz 2, wie viele auf den Relegationsplatz…? Und wenn Hertha fast oder wirklich in Schlagdistanz war (nur noch drei Punkte Rückstand), verloren sie mit Sicherheit gegen einen Gegner, der aus den letzten sieben Spielen nur einen mickrigen Punkt geholt hatte.

Das ist alles Schnee von gestern. Seit der Niederlage in Regensburg hat sich das mit dem Rechnen erübrigt. 10 Punkte Rückstand auf Platz 2 oder 3 sind nicht mehr aufzuholen! In 14 Spielen werden zwar noch 42 Punkte verteilt, aber Hertha müsste schon 30 (also 10 Siege!) Punkte holen, um noch eine Chance zu haben. Und das hieße, dass die zehn anderen Vereine, die vor Hertha stehen, nur noch 20-24 Punkte holen dürften, damit Hertha näherkommen könnte. Gegen einen oder zwei oder drei Vereine könnte man theoretisch einen solchen Rückstand aufholen, wenn man selber konstant spielte, was bei Hertha nicht der Fall ist. Gegen 10 Vereine diesen Rückstand aufzuholen, ist praktisch unmöglich. Deshalb können wir das Mathebuch beruhigt zuklappen, es ist sinnlos.

…es sei denn, Hertha startet heute gegen Kaiserslautern eine kleine Serie mit drei, vier Siegen. Wer weiß: Hat nicht mal jemand gesagt, alles ist möglich… ?

Offenbarungseid

Zwei Niederlagen in Folge können auch der Beginn einer Serie sein. Diese endet dann allerdings mit dem Abstieg in die dritte Liga. Auch dort sind mit 1860 München, Dynamo Dresden, 1.FC Saarbrücken, Arminia Bielefeld, Hansa Rostock, Alemannia Aachen und Rot Weiß Essen genug Traditionsmannschaften vertreten, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Und das Durchreichen in untere Gefilde haben schon so einige Mannschaften am eigenen Leibe erfahren müssen.

Gegen den HSV, einen Aufstiegsaspiranten, hatte man immerhin 40 Minuten (die ersten 15 und die späten 25) ansehnlichen Fußball gespielt. Gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten Regensburg wurden daraus streng genommen null Minuten. Statt um den Aufstieg spielt Hertha plötzlich um den Klassenerhalt.

Auch wenn Kontinuität das eigentliche Zauberwort für den Erfolg ist (Heidenheim, Freiburg, Bremen…), wenn man nicht gerade 100 Millionen auf dem Festgeldkonto hat (Hertha hatte mal 345 Millionen auf dem Konto!) scheint ein Nachdenken über den Verbleib des Trainers doch angebracht. Wer auch immer auf die schwachsinnige Idee kam, einen Trainer, der bis dato noch keinerlei Meriten errungen hatte, zu verpflichten, und dessen einzige Idee die des Ballbesitzes war, wird jetzt zugeben müssen, dass es so nicht mehr weitergeht. Eine Mannschaft, die beharrlich den Berliner Weg fortsetzt (Gersbeck, Maza, Gechter, Klemens, Scherhandt und Winkler in der Startelf!) und durch gute Spieler ergänzt wird (Cuisance, Leistner, Kenny, Zeefuik und Prevljak) muss erfolgreicher sein, als nach 20 Saisonspielen mittlerweile 12 Punkte hinter dem Aufstiegssoll hinterherzuhecheln.

Herr Fiél ist ein netter Mensch, ohne Frage, aber wenn ein spielerisch so starkes Mittelfeld mit Cuisance und Maza das Spiel nicht dominieren kann, wenn kein einziger der über 10 Eckbälle so etwas wie Gefahr für das Gegnertor schafft und wenn kaum ein Angriff den Weg zum Tor sucht, dann muss im Training etwas falsch laufen, ja, man fragt sich, was eigentlich im Training gemacht wird?

Mit Armin Reutershahn wurde vor einigen Tagen ein erfahrener Assistenztrainer vorgestellt. Was spricht eigentlich dagegen, dass ein Mann mit seiner Erfahrung das Training hauptamtlich übernimmt? Weniger Erfolg als jetzt mit Fiel würde er auch nicht haben.

Geht fuckin Kenny?

Herthas Rechtsverteidiger Jonjoe Kenny ist wahrscheinlich der einzige Mensch, der innerhalb eines kurzen Satzes dreizehn Mal das Wort „fuck“ unterbringen kann. Wer´s nicht glaubt, sehe sich die entsprechende Folge aus der 1. Staffel der Hertha-Doku an. „Fuck“ übrigens wie „Puck“ mit deutschem „u“ und nicht mit „a“ gesprochen, also eher schottisch, obwohl Kenny in Liverpool geboren wurde. Als waschechter Engländer spielte er in allen englischen U-Nationalmannschaften, wurde sogar U-Europa- und Weltmeister. Trotzdem konnte er sich bei einigen Leihen nicht für die Premier League qualifizieren.

Nach Anlaufschwierigkeiten bei Hertha in der ersten Liga entwickelte sich Kenny zu einem Stabilitätsfaktor in der oft so wackeligen Hertha-Abwehr, ohne allerdings fehlerfrei zu agieren. Oftmals zu weit von seinem Gegenspieler entfernt oder mit falschem Stellungsspiel beim Kopfball, ist er alles andere als ein perfekter Verteidiger. Seine Dynamik im Vorwärtsspiel und sein stets vertikal denkendes Aufbauspiel machen ihn allerdings zu einem wertvollen Spieler auf Herthas rechter Seite. Kenny hat in den 76 Spielen, die er für Hertha in der ersten und zweiten Liga eingesetzt war, 4 Tore geschossen und viele vorbereitet. Absoluter Höhepunkt war sicher sein mit unbändigem Willen erzielter Ausgleich zum 3:3 im Pokalspiel gegen den HSV in der 120. Minute.

Ein Ersatz für ihn ist nicht in Sicht, da das Talent Eitschberger ja an Rot-Weiß Essen verliehen wurde. Jetzt will Kenny in die zweite englische Liga zu Sheffield United wechseln. Sheffield steht auf dem zweiten Tabellenplatz und hat gute Chancen, in die Premier League, dem Traumziel aller Fußballspieler, aufzusteigen. Würde ihm Hertha den Wechsel verwehren, könnte es sein, dass sein Spiel in der Rückrunde etwas lustlos wäre? Aber Kenny und lustlos? Schwer vorstellbar. Andererseits läuft der Vertrag aus und Hertha bekäme im Sommer null Euro bei einem Wechsel, während jetzt ca. 1,5 Millionen (Ablöse und Gehaltseinsparung) in die klamme Kasse fließen würden. Eine schwere Entscheidung, die Herthas Verantwortliche zu fällen haben. Einerseits würden die minimalen Aufstiegschancen noch weiter verringert, andererseits sind diese Chancen so gering, dass es eigentlich kaum eine Rolle spielt, ob Hertha mit Kenny Sechster oder ohne ihn Zehnter werden würde.

Schwierig, schwierig.

Eins ist aber klar: Wenn Kenny gehen sollte, werden wir diesen ehrlichen Fußballarbeiter vermissen. Fuck.

Wie geht´s dem Berliner Weg?

Wie wir alle wissen ist der Berliner Weg kein Selbstzweck, sondern eine aus der Not geborene Strategie, um den Verein finanziell zu retten. Fredi Bobic verhöhnte den Fragesteller noch als vorgestrigen Romantiker, als dieser nach der Integration Berliner Talente in den Kader fragte.

Vor Gründung der Bundesliga spielten nur Berliner bei Hertha, genauso wie nur Hamburger beim HSV und Rheinländer beim 1.FC Köln spielten. Das änderte sich schnell, Hertha holte zum Bundesligastart 1963 erstmals drei „Westdeutsche“, um überhaupt ansatzweise konkurrenzfähig zu sein: Rehhagel, Klimaschewski und Rühl verstärkten das Team um die Berliner Tillich, Altendorff, Gross, Faeder etc. Der Klassenerhalt wurde so gerade als 14. von 16 Mannschaften erreicht, auch wenn für den vorentscheidenden Sieg gegen 1860 München am vorletzten Spieltag wohl 50.000 Mark an den Münchener Mittelläufer Alfons Stemmer gezahlt werden mussten.

Die Entwicklung ist bekannt: Wechsel innerhalb der Bundesliga von Stadt zu Stadt, bis zu zwei Ausländer pro Verein, später nach dem Bosman-Urteil beliebig viele Spieler aus der EU und schließlich die völlige Liberalisierung des Spielermarktes, der zwar eine Leistungssteigerung zur Folge hatte, oftmals aber auch nach 15 Spielertransfers pro Saison mit mangelnder Identifizierung der Fans mit ihrem Team einher ging.

Jetzt versucht Hertha zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Berliner Talente aus der eigenen Akademie verstärkt ins Team einzubauen spart viel Geld (Ablöse, Grundgehalt) und schafft Identität, was Kay Bernstein als einer der Ersten intensiv propagierte und konsequent durchzusetzen versuchte.

In der Abstiegssaison 22/23 wurden in der ersten Saisonhälfte mit Kevin Prince Boateng, Marton Dardai, Maximilian Mittelstädt, Derry Scherhant und Jessic Ngankam fünf Berliner eingesetzt. Allerdings kamen sie nur in 907 von 16.808 Spielminuten zum Einsatz, was bescheidene 5,4 % ausmacht.

In der zweiten Liga, nach Ausrufung des Berliner Wegs, erhöhte sich der Berliner Anteil in der Hinrunde 2023/24 auf 25 % (4.210 von 16.797 Minuten). Bence, Marton und Palko Dardai, Linus Gechter, Pascal Klemens, Robert Kwasigroch, Derry Scherhant und Marton Winkler waren die beteiligten Spieler.

Mit Trainer Christian Fiél kam nach Pal Dardai ein Trainer, der außer einer kurzen Episode in Köpenick mit Berlin nicht viel verbindet. Wie wirkt sich das auf den Berliner Weg aus? Viele Anhänger erwarteten ein Aufweichen des eingeschlagenen Kurses, aber weit gefehlt:

In der Vorrunde der laufenden Saison 2024/25 erhöhte sich der Einsatz Berliner Spieler sogar noch auf 34,6 %. Marton Dardai, Palko Dardai, Linus Gechter, Pascal Klemens, Boris Lum, Ibrahim Maza, Derry Scherhant und Marton Winkler spielten 5.830 von 16.828 Spielminuten. Zu berücksichtigen ist natürlich, dass ein gesunder Reese gesetzt wäre und Derry Scherhant sicher weniger Einsatzzeit bekommen hätte. Trotzdem scheint der Weg ganz im Sinne von Kay Bernstein und der Vernunft weiter verfolgt zu werden und nicht nur Feiertagsgequatsche zu sein.

Man wird auch in Zukunft nicht, wie in Bilbao oder San Sebastian, ausschließlich Spieler aus der Stadt oder der Region spielen lassen können. Ein Ziel von 50 % Einheimischen, die nicht eine Woche nach dem Wappenkuss den Verein verlassen, könnte Hertha aber durchaus anstreben. Als Alleinstellungsmerkmal im deutschen und internationalen Fußball wäre dies nicht nur für die Anhänger sondern auch für potentielle Werbepartner von Interesse.

Die entsprechenden Talente sind vorhanden. Berlin hat mehr Einwohner als Uruguay. Und Hertha muss ja nicht gleich an Weltmeisterschaften teilnehmen. Die Champions-League täte es ja mittel- bis langfristig auch…

Die Transferperiode und der Berliner Weg

Außer Gerüchten, die der leidende Smartphonebenutzer täglich in Massen auf seinem Gerät wegdrücken muss, gibt es bisher noch keine Erkenntnisse über etwaige Veränderungen im Herthakader.

Nun ja, zu einem guten Mittelstürmer der Sorte Tabakovic würde man nicht nein sagen. Ob Hertha mit einem solchen aber auch nur ein einziges Tor mehr geschossen hätte, bleibt fraglich. Denn die Grundlage für`s Toreschießen ist in den meisten Fällen die entsprechende Flanke bzw. der entsprechende Pass, der vom Goalgetter im Idealfall eiskalt versenkt wird. Wenn ein Scherhant, der in der Hinrunde eine ihm nicht zugetraute, fast schon sensationelle Entwicklung genommen hat, nicht flankt, wie einst Reese, sondern selber in den Strafraum eindringen will, könnte auch ein Tabakovic nur zusehen. Kurz und gut: Für mehr Tore wäre eine andere Spielidee und deren Umsetzung durch die Herren Berufsfußballer die Voraussetzung. Spiel über außen, wie es schon Otto Rehhagel (mit Erfolg) einstmals predigte und wie man z.B. gegen Kaiserslautern zu durchschlagendem Erfolg kam. Schuler erzielte als Mittelstürmer zwei Tore. Warum nicht öfter? Weiß es der Trainer? Wenn ja, warum ändert es sich nicht zum Positiven?

Im Prinzip ist die Mannschaft stark genug besetzt, um um den Aufstieg mitzuspielen. Dass das in dieser Saison sehr schwer werden dürfte, haben wir schon letztens mathematisch dargelegt, egal welche Spieler auf dem Platz stehen. Warum dann also Geld ausgeben und die Struktur des Kaders durcheinander bringen? Außer möglicherweise denkbaren Verkäufen oder Ausleihen von Spielern wie Bouchalakis, Christensen, Thorsteinsson, Dudziak oder Hussein müssen Veränderungen nicht unbedingt sein. Das Team ist auf allen Positionen mindestens doppelt besetzt und wenn die acht verletzten Spieler irgendwann vielleicht mal gesunden sollten, hat der Trainer sowieso die Qual der Wahl.

Aber wie man seine Pappenheimer so kennt, wird es in der letzten Januarwoche nochmal hoch hergehen. Hoffentlich besinnt man sich auf Kay Bernsteins Vermächtnis und denkt ab und an zum 1. Todestag noch an den Berliner Weg. Nachwuchsspieler stehen in Massen bereit…